Dienstag, 23. Juni 2015

Der vergessene Genuss des Kochens

Heute ist das mit dem Kochen so eine Sache. Auf der einen Seite gibt es schier unbegrenzte Möglichkeiten, die verschiedensten Gerichte zuzubereiten. Auf der anderen Seite können immer weniger Menschen wirklich kochen und es kann eine allgemeine Tendenz festgestellt werden, dass die Lust am Kochen stetig abnimmt. Es stellt sich die Frage, warum das so ist und welche Folgen diese Entwicklung hat.

“Kochen ist eine Kunst und keinesfalls die unbedeutendste”, sagte Luciano Pavarotti einmal. Es ist aber eine Kunst, die immer weniger Menschen beherrschen. Das hat weitreichende Folgen, denn mit dem Kochwissen verschwindet auch das Wissen darüber, was gesunde Ernährung eigentlich bedeutet.

Die Zeit der Kochbücher und Fertiggerichte

Umfragen haben ergeben, dass viele Menschen unter dem Begriff Kochen heute schon das Aufbacken einer Fertigpizza im Backrohr verstehen. Gleichzeitig erleben Kochbücher einen Boom. Praktisch täglich kommen neue heraus und praktisch jedes davon verkauft sich gut. Eine gewisse Ironie lässt sich hier also nicht leugnen. So viele Kochbücher wie heute gab es noch nie und gleichzeitig können immer weniger Menschen selbst kochen.

Die Gründe für diesen bemerkenswerten Umstand sind schnell gefunden. Zwei Pole lassen sich unterscheiden, die jeweils am Ende des Spektrums liegen. Der eine Pol sind Menschen, denen egal ist, was sie essen, solange es billig ist. Dem gegenüber stehen jene, die Kochen zu einer Wissenschaft erheben, sich zu besonderen Anlässen ewig Zeit nehmen, sich genau an die Rezepte und Minutenangaben halten, nur die besten Zutaten verwenden und extremen Aufwand für selbst die einfachsten Gerichte betreiben. Gemeinsam ist beiden Polen und allen, die dazwischen stehen, dass sie keine Zeit mehr haben für tägliches, normales Kochen. Heutzutage gibt es so viele Dinge zu tun, zu unternehmen und auszuprobieren, dass neben der Arbeit für alltägliche Dinge oft keine Zeit bleibt.

Was dabei als erstes auf der Strecke bleibt, ist das gesunde Essen. Ein Fertiggericht in die Mikrowelle zu werfen, ist kein Aufwand. Warum also seine wertvolle Zeit mit Kochen verschwenden?

Essen hat heute seinen Stellenwert im Alltag verloren. In einem guten Restaurant zelebriert man es, gerade das Beste ist gut genug. Zu Hause haben fixe Mahlzeiten im Kreis der Familie aber keinen Platz mehr, denn da ist ja die eine Fernsehsendung, die man unbedingt sehen muss oder andere “wichtige” Dinge.

Kontra und pro Gesundheit

Bequemlichkeit hat aber immer ihren Preis. Im Falle des Essens bleibt eben die eigene Gesundheit auf der Strecke. Viele Experten sehen Fast Food, Fertiggerichte und zuckerhaltige Getränke heute sogar als größere Gefahr für die Gesundheit an, als das Rauchen, das die Menschen scharenweise niedermäht. Dabei ist gegen Fast Food per se nichts einzuwenden. Problematisch wird es, wenn schnell zubereitete Gerichte viele Kalorien, Fett, Zucker und Salz, aber nur wenig Nähr- und Ballaststoffe enthalten. Leider ist das heute der Standard und nicht die Ausnahme.

Studien besagen, dass Menschen, die oft selber kochen, länger leben. Das ist nur logisch, denn diese Leute setzen sich mit dem Essen genauer auseinander. Sie kaufen selbst und damit bewusster ein und wissen nach dem Essen auch genau, wie viel sie von welcher Zutat gegessen hat. Ganz automatisch essen sie gesünder.

Jäger des verlorenen Genusses

Ein Umstand fällt ganz besonders auf, betrachtet man die heutigen Tendenzen im Bereich Ernährung und Essen. Egal, ob das Essen billig sein muss, schnell gehen soll oder ob man keine Mühe scheut, um ein wahnsinnig kompliziertes oder teures Gericht zuzubereiten: die Lust am Genießen ist den Menschen irgendwann verloren gegangen. Gemeint ist dabei nicht nur die Lust am Essen, denn auch Kochen kann und sollte Genuss sein. Man kann es ganz bewusst als Kontrapunkt zum Alltag setzen und dabei abschalten, weil man einmal an etwas Anderes denkt. Das entspannt.

Dabei hilft auch ein neuer Trend: Rezepte werden wieder einfach. Man braucht keine ausgefallenen Zutaten mehr, die man erst nach Stunden im siebten Supermarkt, den man aufsucht, findet. Und hat man einmal eine Zutat nicht, nimmt man eben eine andere. Kochen wird wieder alltagstauglich, einfach, schnell.

Ein gutes Kochbuch, dass genau den persönlichen Geschmack trifft, ist ein schöner erster Schritt in eine Zukunft, in der bewusster mit Lebensmitteln umgegangen wird und das Essen wieder das ist, was es so lange war: Ein Genuss und zugleich eine Möglichkeit, sich in entspannter Atmosphäre mit anderen Menschen auszutauschen und an ihrem Leben teilzuhaben.

In diesem Sinne: Guten Appetit!